St-Osdag
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Gutachten des Glockensachverständigen

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Hier können Sie das Gutachten zum Zustand der historischen Glocken lesen:

 

 

 

Andreas Philipp, Dipl.Phys. Glockensachverständiger für die Ev.-luth. Landeskirche Hannovers           37075 Göttingen, den 1. August 2017 

    

Gutachten:      Mandelsloh, St. Osdag / Geläutesanierung

 

Sehr geehrter Herr Pastor Brusermann, sehr geehrte Damen und Herren,

vor einiger Zeit habe ich das Geläute der ev.-luth. Kirche St. Osdag in Mandelsloh besichtigt und abgehört. Anlaß für die Begehung war eine Glockenbereisung im Kirchenkreis Neustadt-Wunstorf.

Das Geläute besteht aus drei historischen Bronzeglocken, die mit ihren Schlagtönen e’ f’ und f” kein geschlossenes Motiv bilden. Sie hängen an geraden Stahljochen in einem dreigefachigen Stahlkastenstuhl. Seilräder und Glockenstuhl sind angerostet. Alle Glocken werden von ̈alteren elektrischen Läutemaschinen der Firma Hörz gezogen. Zu den einzelnen Glocken ist folgendes festzustellen:

  • Glocke 1 wurde 1730 durch Thomas Rideweg aus Hannover gegossen. Sie hat den Schlagton e’ und wiegt bei einem unteren Durchmessser von 1.340 mm rund 1.400 kg. Die Glocke ist gegenüber ihrer ursprünglichen Schwungrichtung um 90◦ gedreht, der Schlagring an den alten Anschlagstellen von 105 mm auf 90 mm (das entspricht 14,3%) abgenutzt. Das eingegossene Klöppelhangeisen ist vorhanden, die Haube an zwei Stellen durchbohrt. Insgesamt läßt das Schadensbild eine Instandsetzung im Glockenschweißwerk angeraten sein.

  • Glocke 2 wurde 1427 durch einen namentlich nicht bekannten Gießer gefertigt. Sie wird bei einem unteren Durchmesser von 1.250 mm etwa 1.200 kg wiegen. Auch diese Glocke ist gegenu ̈ber ihrer ursprünglichen Schwungrichtung um 90◦ gedreht, der Schlagring an den alten Anschlagstellen von 95 mm auf 82 mm (das entspricht 13,7%) abgenutzt. Das eingegossene Klo ̈ppelhangeisen ist vorhanden, die Haube an acht Stellen durchbohrt. Ein paariger Kronenbügel fehlt, ebenso die Mittelöse der Krone. Die Bügel sind unverbunden; so erklärt sich die an vielen Stellen durchbohrte Haube. Insgesamt läßt auch hier das Schadensbild eine Instandsetzung im Glockenschweißwerk angeraten sein.

  • Glocke 3 mit dem Schlagton f” wiegt bei einem unteren Durchmesser von 620 mm rund 150 kg. Sie wurde ebenfalls durch einen namentlich nicht bekannten Meister gegossen, vermutlich im 14. Jahrhundert. Diese Glocke ist kaum abgenutzt, doch fehlt ihre Krone vo ̈llig. Auch diese Glocke sollte im Glockenschweißwerk instandgesetzt werden.

Wie aus den bisherigen Ausführungen hervorgeht, befinden sich im Turm der Kirche St. Osdag zu Mandelsloh drei Läuteglocken mit Denkmalwert, die im Glockenschweißwerk Lachenmeyer zu Nördlingen instandgesetzt werden sollten. Hierzu müssen die Bohrlöcher in der Haube verschweißt werden. Gleichzeitig ü ̈rden die Schwachstellen am Schlagring durch eine Auftragschweißung auf die alte Stärke gebracht und die fehlenden Teile ergänzt.
Nach ihrer Rückkehr sollten die Glocken an gerade Holzjoche umgehängt werden, wobei sie um rund 30◦ gegenüber der ursprünglichen Läuterichtung gedreht aufgehängt werden, um die ausgeschlagenen Stellen möglichst wenig zu beanspruchen. Die jetzt festgestellte Drehung um 90◦ wurde fü ̈her häufig durchgefu ̈hrt, um unverbrauchte Anschlagstellen zu gewinnen, doch werden neueren Forschungen des Fraunhofer-Institutes für Betriebsfestigkeit zufolge durch die beim Klöppelanschlag erzeugten Biegeschwingungen im Glockenkörper die um 90◦ gegen die Läuterichtung versetzten Stellen kaum weniger belastet als die tatsächlichen Anschlagpunkte. In jedem Fall werden weichere, besser bemessene Klöppel erforderlich. Da mit wachsendem Abstand der Klöppeldrehachse von der Glockendrehachse (Jochachszapfen) die Anschlaghärte steigt, sollen die neuen Klo ̈ppel mit einer speziellen Doppelgelenk-Aufhängung versehen werden, welche die Belastung sowohl für die Glocke als auch für den Kö ̈ppelschaft herabsetzt. Die Glocken werden mit wohlbemessenen Armaturen deutlich voller und weicher klingen.

Daü ̈ber hinaus empfehle ich den Ersatzneubau eines Holzglockenstuhles, der durch einen erfahrenen Tragwerksplaner entworfen werden muß. Solch ein Stuhl kann wie die Bronzeglocken Jahrhunderte überdauern — er wäre die angemessene Umgebung für die wertvollen Glocken.

Als letzten Baustein der Komplettsanierung empfehle ich die Anschaffung neuer Läutemaschinen. Die vorhandenen Ölbad-Läutemaschinen sind veraltet und sollten entsorgt werden. Durch den neuen Glockenstuhl und die neuen Joche ändern sich die geometrischen Verhältnisse, so daß ohnehin neue Kettenräder, Seilräder und Ketten notwendig würden. Da wäre es angesichts der jahrzehntelangen Betriebsdauer der Maschinen wirtschaftlicher, sie durch neue auszutauschen, zumal sich diese Motoren nicht sanft regeln lassen, wie es den historischen Glocken zuträglich wäre.

Für die Instandsetzung der Glocken und die übrige Sanierung entstehen nach heutigem Stand voraussichtlich etwa folgende Kosten:

Instandsetzung Glocke 1         7.000 EUR
Instandsetzung Glocke 2        16.500 EUR
Instandsetzung Glocke 3          5.500 EUR

Glockenstuhlplanung                2.500 EUR
Glockenstuhlbau                     15.000 EUR
Joche/Klöppel                           7.000 EUR
Läutemaschinen                        5.400 EUR

Montage und Transport              6.000 EUR    

Summe netto                           64.000 EUR
19% Umsatzsteuer                   12.331 EUR
zur Aufrundung                          1.769 EUR

Gesamtsumme brutto                79.000 EUR

Hinzu kämen die Kosten fu ̈r die Öffnung und Schließung des Transportweges und für Elektroarbeiten (Anschluß und Verkabelung), die durch das Amt fu ̈r Bau- und Kunstpflege Hannover geschätzt werden müßten. Bitte beachten Sie, daß im Glockenschweißwerk Anmeldezeiten von drei bis fünf Monaten zu erwarten sind. Gerne erstelle ich zu gegebener Zeit auf Wunsch ein Leistungsverzeichnis. Aus wirtschaftlichen Gründen wäre es auf jeden Fall sinnvoll, die Sanierung in der skizzierten Form durchzuführen.

Ich hoffe, Ihnen mit diesem Bericht zunächst geholfen zu haben. Die wertvollen Denkmalglocken brauchen nach langer Zeit einmal wieder eine starke Zuwendung, damit sie die Gemeinde weitere Jahrhunderte zu Gebet und Gottesdienst rufen können. Erfahrungsgemäß ist die Spendenbereitschaft in der Bevölkerung (nicht nur unter Kirchenmitgliedern!) bei Glockenmaßnahmen sehr ausgeprägt, so daß ich nicht daran zweifle, daß sich die benötigten Mittel aufbringen lassen.

Mit freundlichen Gru ̈ßen

 

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